Schlaf

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Wir alle müssen schlafen. Sogar so viel, dass wir etwa ein Drittel unseres Lebens verschlafen. Da stellt sich doch die Frage, ob man  diese Zeit nicht produktiver nutzen könnte. Und zwar am besten so, dass Körper und Geist trotzdem noch erholt und gesund sind.

Es gibt tatsächlich einige Versuche den Schlaf effektiver zu gestalten und angeblich dennoch wach und erholt zu sein. Zum Beispiel den sogenannten polyphasischen Schlaf, bei dem im Extremfall der Schlaf auf fünf Mal 20 Minuten Schlaf am Tag reduziert wird.

Wir haben zu dem Thema den Schlafexperten Dr. Dr. Kai Spiegelhalder befragt. Er kommt aus den Fachdisziplinen Medizin und Psychologie und befasst sich am Universitätsklinikum Freiburg überwiegend mit Schlafstörungen und deren Behandlungsmöglichkeiten.

 

Herr Spiegelhalder, können Sie uns erklären, warum der Mensch überhaupt schlafen muss?

Es gibt natürlich verschiedene Hypothesen darüber, aber so ganz genau weiß das eigentlich keiner.

Ich persönlich bin der Meinung es gibt mehrere Ursachen, oder besser gesagt: es gibt viele Dinge die im Schlaf passieren, die vorteilhaft für den Menschen sind. Die nötige Erholung für das Immunsystem und das Gedächtnis zum Beispiel.

Die Ursachen wissenschaftlich zu belegen, ist allerdings nicht so ganz einfach. Denn dazu müssten Testpersonen unter langen Schlafentzug gesetzt werden. Die längste Zeit, die ein Mensch ohne Schlaf ausgehalten hat, betrug aber nur elf Tage.

 

Der Idee des polyphasischen Schlafes folgend, könnten wir schon mit fünf Mal 20 Minuten Schlaf am Tag erholt sein. Halten sie das für möglich?

Das ist schwer zu sagen. Es gibt keine fundierten wissenschaftlichen Erkenntnisse über solche Versuche. Auch wenn es im Einzelnen schon probiert wurde, kann man davon nicht auf die Allgemeinheit schließen.

Ich halte es aber für einen Fehler zu versuchen, seinen Schlaf so effektiv wie möglich zu gestalten. Menschen, die versuchen, besonders gut und kurz zu schlafen, leiden oft unter Ein- und Durchschlafstörungen, denn je mehr sie sich unter Druck setzen, desto weniger schaffen sie es sich zu entspannen und den Schlaf einfach kommen zu lassen.

Es gibt eine witzige Studie aus Russland, bei der ein Preisgeld ausgegeben wurde, für den der am schnellsten einschläft. Da sind dann alle langsamer eingeschlafen.

Was den polyphasischen Schlaf angeht, würde es mich wundern, wenn dadurch massiv Schlaf eingespart werden könnte, denn der REM-Schlaf kommt immer erst nach 60 bis 90 Minuten. Den würden Sie durch die 20-Minuten-Episoden komplett unterdrücken, das käme mir sehr unnatürlich vor.

 

Was genau hat es mit dem REM-Schlaf und den Schlafphasen auf sich?

Mit Hilfe eines EEGs, welches die Hirnströme misst, wurde der Schlaf in verschiedene Phasen eingeteilt, in denen der Mensch unterschiedlich tief und erholsam schläft.

Eine Phase ist der sogenannte REM-Schlaf. In diesem ist das Träumen sehr wahrscheinlich. Im Allgemeinen können den einzelnen Schlafphasen aber keine eigenen Funktionen zugeteilt werden. Sie ergänzen sich und können nicht bewusst ausgelassen werden.

 

Treten diese Schlafphasen in bestimmten Intervallen auf oder unterscheidet sich das von Mensch zu Mensch?

Es gibt ein relativ typisches Muster, das die meisten Menschen haben. Der Tiefschlaf kommt eher am Anfang der Nacht, der REM-Schlaf hingegen eher am Ende. Diese Grundstruktur kann sich natürlich von Mensch zu Mensch unterschieden.

Es gibt zum Beispiel Menschen die haben gar keinen Tiefschlaf, das trifft insbesondere auf ältere Menschen zu.

 

Macht also der REM-Schlaf das erholsame Schlafen aus und gar nicht der Tiefschlaf?

Nein. Man kann sicherlich nicht sagen, dass der REM-Schlaf allein die Erholsamkeit ausmacht, das macht sicherlich schon der Tiefschlaf. Allerdings gibt es keine Langzeitstudien dazu.

 

Es gibt Personen die den polyphasischen Schlaf mehrere Monate durchgehalten haben. Zwar hätte sich bei Ihnen mit der Zeit ein Rhythmus eingestellt, doch sei es auf Dauer zu anstrengend für den Körper gewesen.

Das heißt für mich sie schlafen zu wenig. Der polyphasische Schlaf spricht auch gegen den sogenannten Circadianen Rhythmus, das heißt, dass man nachts auf Grund des Lichts eine stärkere Einschlafneigung hat, als tagsüber. Nach diesem Rhythmus richten sich auch Körpertemperatur, Hormonausschüttungen und vieles mehr.

 

Die “natürliche” Weise zu schlafen wäre also ein monophasischer Schlaf, also auf einen Schlag 8 Stunden schlafen?

Da bin ich mir nicht sicher. Meiner Meinung nach ist es eher der biphasische Schlaf. Also mit einem Mittagsschlaf, der kürzer ist als der Nachtschlaf. Oder maximal triphasisch, was wohl, laut historischer Dokumente, früher häufiger vorkam. Dabei gab es eine erste und eine zweite Nachtschlafphase, die aber nicht weit auseinander lagen.

Es gibt natürlich schwere Krankheiten, zum Beispiel die sogenannte Narkolepsie, bei der Menschen polyphasisch schlafen. Das ist eine Krankheit, bei der sie tagsüber plötzlich so müde sind, dass sie sich gegen das Einschlafen gar nicht wehren können.

Diese Menschen legen sich manchmal vorbeugend alle zwei Stunden hin, um über den Tag zu kommen. Doch weil dabei der Schlaf teilweise massiv gestört ist, würde ich daraus keine Schlussfolgerungen für die Allgemeinheit folgern.

 

Wird das Konzept des polyphasischen Schlafens denn sonst noch in der Behandlung angewendet?

Davon abgesehen, nein. Im Gegenteil raten wir Menschen mit einer Durchschlafstörung auf einem Mittagschlaf zu verzichten.

 

Würden Sie denn sagen, dass ein Erholsamer Schlaf durch eine bestimmte Schlafdauer gekennzeichnet ist?

Das sicherlich. Aber es variiert auch von Mensch zu Mensch. Manche Menschen kommen angeblich nur mit vier Stunden Schlaf am Tag aus. Andere wiederum schlafen sehr lange. Das ist jedoch rein vom subjektiven Empfinden der Menschen abhängig und an keinem Parameter objektiv messbar.

 

Tatsächlich haben wir als Baby alle einen polyphasischen Schlaf. Im Erwachsenenalter schläft der größte Teil der Menschen aber monophasisch. Würden Sie sagen, dass diese Veränderung gesellschaftlich gelenkt oder natürlich entwickelt ist?

Sicherlich ist der monophasische Schlaf gesellschaftlich vorgegeben. Das hat mit Dingen wie der Arbeitszeit zu tun.

Es lässt sich aber erkennen, dass pensionierte Menschen wieder häufiger zum Mittagsschlaf tendieren und auch andere Kulturen oft auf den Mittagsschlaf zurückgreifen.

Ob es aber möglich wäre, als erwachsener Mensch in einem Zyklus zu schlafen, wie es Säuglinge tun, finde ich sehr schwer zu beantworten, da es dazu noch zu wenige Studien gibt. Es gab vor 30 oder 40 Jahren Bunkerexperimente, bei denen Menschen sechs bis acht Wochen ohne Licht und Uhr gelebt haben. Dabei ist der Schlaf relativ gleich geblieben, er hat sich also nicht massiv verändert.

 

Sehen Sie dabei gesundheitliche Risiken?

Keine stärkeren als die Teilnahme am Straßenverkehr. Wenn Sie weniger schlafen als andere, haben Sie ein erhöhtes Risiko Herzkreislaufbeschwerden und Depressionen zu entwickeln – beides etwas, was potentiell tödlich ist, wobei das Risiko sehr gering ist.

 

 

In vielen Ländern richten sich die Menschen nach dem Licht, sie stehen auf, sobald die Sonne aufgeht. Dass ist bei uns ja heute anders.

Es ist natürlich interessant sich verschiedene Kulturen anzuschauen und zu vergleichen. Daraus könnten auch Rückschlüsse gezogen werden. Ich kenne aber keine Kultur in der polyphasisch geschlafen wird.

Der Schlafrhythmus kann um ein paar Stunden verschoben werden, aber der polyphasische Schlaf ist ein sehr drastischer Eingriff, den ich in der Welt sonst nirgendwo beobachten kann.

 

Was sind denn ihre Tipps für erholsames Schlafen?

Schlafen sobald man müde ist, dass ist unser Ratschlag für alle Menschen mit Schlafproblemen. Schlaf sollte nicht erzwungen werden, er sollte natürlich kommen. Der Drang dazu effizient zu sein und möglichst viel Arbeitsleistung zu erbringen, führt eher dazu, dass die Menschen weniger schlafen.